John Q

 

In dieser 25. Woche des Jahres 2002 hat der österreichische Filmfreund keine allzu große Auswahl – es laufen nur zwei nennenswerte Filme in unseren Premierenkinos an – und da hat er sich zwischen der moralin-schwangeren „Du sollst nicht ehebrechen !!-Geschichte von Regisseur Adrian Lyne mit dem Titel „Untreu“ und den Protagonisten Diane Lane, Oliver Martinez und Richard Gere auf der einen Seite und einer vehementen Anklage gegen die Unmenschlichkeit des amerikanischen Gesundheitssystems, das sich nicht am hypokratischen Eid, dem feierlichen Hilfegelöbnis der Ärzte, sondern ausschließlich an Gewinnmaximierung orientiert, auf der anderen Seite, zu entscheiden.

Wenn Sie gestatten, würde ich Sie gerne mit Variante Nr. 2 vertraut machen.

Der Film trägt den Titel „John Q“ und erzählt die Geschichte von John Quincy Archibald und dessen kleinem Sohn Michael.

Michael bricht bei einem Baseballspiel plötzlich zusammen und die Diagnose im nahegelegenen Spital lautet: Lebensbedrohende Herzprobleme. Nur eine rasche Transplantation kann Abhilfe schaffen. Aber eine solche Operation kostet rund 250.000 Dollar und wo sollen Michaels Eltern diese riesige Summe hernehmen. John Q. ist Fabrikarbeiter und gerade vor kurzer Zeit hat John´s Versicherung, ohne dies ihrem Versicherungsnehmer mitzuteilen, die Leistungen gekürzt, sodass im Höchstfall gerade einmal schlappe 20.000 Dollar zur Verfügung stünden. Das reicht nicht einmal dafür, Michael auf die Liste der Transplantationsanwärter zu setzen denn dafür muss zumindest ein Drittel der Gesamtkosten als Anzahlung aufgebracht werden, in diesem Fall also rund 83.000 Dollar.

John versucht, alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung zu setzen, um sich das notwendige Geld auf legalem Wege zu beschaffen aber die Aussichten tendieren gegen Null. Als er die Aussichtslosigkeit seiner Lage sieht und feststellt, dass er dabei ist, den Wettlauf mit der Zeit zu verlieren, greift John zu einem letzten verzweifelten Mittel: Er verschanzt sich in der Notaufnahme des Krankenhauses und nimmt Patienten und Personal des Krankenhauses als Geiseln.

 

Regisseur Nick Cassavetes, einschlägig vorbelasteter Sohn von John Cassavetes und Gena Rowlands, hat mit „John Q“ ein Thema aufgegriffen, das einer filmischen Aufbereitung wert ist und das durchaus auch für uns auf dem europäischen Kontinent von Interesse sein sollte. Man darf angesichts derzeit diskutierter Reformen nur ja nicht glauben, dass Amerika mit dieser Art von Klassen-Medizin allzu weit von uns entfernt ist.

Aber Cassavetes tut dieser an sich guten Absicht einen Bärendienst, wenn er – oder seine Filmproduktionsfirma - sie mit allzu viel Rührseligkeit aufbereitet. Man merkt die Absicht und wird verstimmt ! Zwar hat er in Denzel Washington in der Titelrolle einen Darsteller und Kassenmagnet der Extraklasse und mit Robert Duvall und Ray Liotta als unterschiedliche Temperamente auf Seiten der Polizei, mit Kimberly Elise als Mutter sowie Anne Heche als profitorientierte Krankenhaus-Direktorin ein Ensemble großer Hollywood-Stars zur Verfügung, das Schlimmeres verhütet aber sie alle können sich doch schließlich dem melodramatischen Tremolo nicht entgegenstemmen, das diesem Film über weite Strecken unterlegt ist.

Ein Taschentuch im Gepäck könnte für tränennahe Gemüter bei Besuch dieses Films also durchaus hilfreich sein.

 

 

 

 

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