Die Klavierspielerin

 

Ein Film österreichischer Herkunft, der weltweite Aufmerksamkeit erregt und bei einem der wichtigsten und renommiertesten Filmfestivals der Welt – in Cannes – nicht nur im Wettbewerb läuft, was an sich bereits ein Erfolg wäre, sondern daselbst auch noch hoch mit hohen Auszeichnungen versehen wird, ist Anlass genug, in diesem Rahmen als „Film der Woche“ vorgestellt zu werden.

Regisseur Michael Haneke hat sein Publikum und seine beachtliche Fan-Gemeinde ja bereits mit früheren Werken wie 1997 mit „Funny Games“ und erst vor Kurzem mit „Code: Inconnu“ mit akribischer Konsequenz auf  seine Weltsicht eingeschworen und so war es für den aufmerksamen Beobachter eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann er und die Autorin Elfriede Jelinek zu einer Zusammenarbeit finden würden. Der Gleichklang von Kälte, Misanthropie und Gewalt, der sich als Basiston durch die Arbeiten beider schöpferischen Persönlichkeiten zieht und durch seine demonstrative Betonung zugleich als Verlangen nach Wärme, menschliche Nähe und Harmonie interpretiert werden kann, liegt einfach zu eng beieinander.

Der Film „Die Klavierspielerin“ ist nun das logische Ergebnis dieser Kooperation und es ist zugleich die Potenzierung beider Intentionen.

Erika Kohout ist eine gnadenlos kritische Klavierpädagogin am Wiener Konservatorium. Ihre Schüler unterjocht sie förmlich und Tränen sind nach den Unterrichts-Exercitien keine Seltenheit. Die andere, dunklere Seite dieser Tasten-Dompteuse, aus der sich ihre Gnadenlosigkeit recht einleuchtend deuten lässt, ist ihr privates Umfeld. Als Frau in den beginnenden Vierzigern ist sie selbst noch immer von ihrer dominanten Mutter beherrscht, schläft Nacht für Nacht Seite an Seite mit ihr im Bett und muss sich verantworten wenn sie sich einmal auf dem Weg vom Konservatorium nach Hause verspäten sollte. In einen solchen seelischen Schraubstock eingespannt, bleibt naturgemäß wenig Zeit für Romantik, Wärme und Zuneigung. Daher schafft sich Erikas unterdrücktes und aufgestautes Trieb-Erleben in Besuchen von Pornokinos und Peepshows ein Ventil, das in ihr eine hochexplosive Mischung aus Faszination und Ekel bewirkt, die letztendlich in Selbstzerstörung mündet. In einer Szene, die nur hartgesottene Chirurgen halbwegs unbeschadet überstehen, zerschneidet sich die „Klavierspielerin“ den Genitalbereich. Die Aussichtslosigkeit von Erlösung aus dem Gefängnis unseres Daseins – ebenfalls ein Grundton der Arbeiten von Jelinek und Haneke – wird durch eine aufkeimende Liebesgeschichte vor Augen geführt, in der es dem jungen Hobby-Pianisten Walter gelingt, ein wenig durch den Seelen-Panzer seiner Lehrerin zu dringen. Trotz deren vehementer Gegenwehr und trotz ihrer oft demütigenden Erwiderungen. Allerdings nur, um sich nach der Erkenntnis ihrer sado-masochistischen Neigungen und ihrer Gefühlskälte wieder von ihr abzuwenden. Was wiederum zur Folge hat, dass sie nunmehr ihn mit brutaler Kompromisslosigkeit verfolgt.........

Man ist geneigt anzunehmen, dass Haneke keine Schwierigkeiten damit hätte, das Karussell der Gewalt sich immer weiter und tiefer in einen ausweglosen Strudel drehen zu lassen. Die 130 Filmminuten, die er dem Kinobesucher im Erleben von Faszination der latenten Grösse auch des eigentlich Unzumutbaren bereitet, ähnlich wie es die Anti-Heldin der Jelinek-Erzählung erlebt, geben dazu berechtigten Anlass.

Den Juroren des Festivals in Cannes muss es wohl ähnlich ergangen sein. Sie haben Michael Haneke den „Grossen Preis der Jury“ zuerkannt und seine Protagonisten, die großartige Isabelle Huppert in der Titelrolle und ihren Partner, den nicht minder hervorragenden Benoit Magimel, als „Beste Schauspieler“ des Jahres 2001 ausgezeichnet. Ebenfalls überragend, wenn auch nicht von der Jury gekürt: Annie Girardot als manisch besitzergreifende Mutter.

„Die Klavierspielerin“ ist natürlich ein Film, der polarisiert und auch darauf angelegt scheint. Für diejenigen, die Jelineks und Hanekes Ansatz bejahen, ist er ein Kunstwerk von hoher Stringenz. Sollte man sich dieser Ödipus-ähnlichen Unentrinnbarkeit allerdings verweigern, kann die „Klavierspielerin“ qualvoll wirken. Eines ist klar: Kalt lässt dieser Film

niemanden !! Und das ist alles in allem das Beste, was man von einem Kunstwerk sagen kann.

 

 

 

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