POSSESSION

 

 

Stellen Sie sich vor, Sie stünden auf einem Turm. Stellen Sie sich weiter vor, dass Ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf eine Feder gelenkt wird, die an Ihnen vorbei fliegt und zu Boden sinkt. Ganz langsam schaukelt sie in die Tiefe, wird durch einen Windstoss wieder angehoben und taumelt darauf wiederum gemächlich zur Erde und nachdem Sie dieser Feder eine Weile zugesehen haben, ist sie plötzlich verschwunden.

Nichts daran ist dramatisch, es findet keinerlei Action statt. Aber es ist ein Vorgang, der so entscheidende Phänomene wie die Schwerkraft und die Tragfähigkeit von Luft beschreibt und der vielleicht deshalb für eine kleine Weile Ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen mit dem wunderbaren Film „Possession“ ebenso ergehen könnte. Ein Film, leicht wie eine Feder und voller Poesie, die den Zuseher unversehens in eine solche Stimmung versetzt, dass der Weg nach der Vorstellung zurück auf die lärmige Strasse wie ein Kulturschock wirkt.

Nochmal: Der Film, von dem hier die Rede ist, trägt den Titel „Possession“ und ich werde hier meinen guten Brauch durchbrechen und Ihnen vom Inhalt nichts erzählen. Einmal, weil man Schwerelosigkeit schwer beschreiben kann und zum zweiten geht es in diesem Meisterwerk, wie schon gesagt, weder um dramatische Konflikte noch um irgendwelche vordergründige Action.

Lediglich vier Menschen, zwei in der Vergangenheit und zwei in der Gegenwart, die zu einander finden, sich trennen und wieder aufeinander stoßen. Es geht um Liebe und um die Tragik für die bisherigen Partner, die bei der plötzlichen und unbedingten Sehnsucht zweier Menschen auf der Strecke bleiben und es geht um einen hervorragenden Regisseur und vier Schauspieler, die das, wovon ich gerade so begeistert berichtet habe, in idealer Weise auf die Leinwand bringen.

Die Engländerin Gwyneth Paltrow und ein neues Gesicht, der amerikanische Schauspieler Aaron Eckhart sind das Paar der Gegenwart, die Londoner Theater-Stars Jennifer Ehle und Jeremy Northam das Paar der Viktorianischen Zeit. Die Idee zu diesem Film hatte Regisseur Neil LaBute, der u.a. auch am Erstellen des Drehbuchs nach einer Novelle des Romanciers A.S. Byatt beteiligt war.

Ich wiederhole es hier noch mal für diejenigen, die sich von einer Kino-Vorstellung zwingend Hochspannung, Action und jede neue Spielart von Spezialeffekten erwarten. Sie sollten diesem Film am besten weiträumig ausweichen. Diejenigen jedoch, die es auch spannend finden, in Gesichtern von Schauspielern zu lesen und daraus IHRE Geschichte, sozusagen den Film im Film zu erfinden, die sind bei „Possession“ genau an der richtigen Adresse.

Noch einen guten Rat zum Abschluss: Sehen Sie sich diesen Film nach Möglichkeit in der englischen Original-Fassung an. Ein Teil des Reizes dieses Films liegt auch im Aufeinandertreffen des britischen und des amerikanischen Idioms und so etwas kann man in der deutschen Synchronisation natürlich nicht nachvollziehen.

In diesem Sinne wünsche ich den einen ihr spannungsgeladenes Action-Erlebnis, den anderen aber die reiche Vielfalt der Stille von „Possession“.

 

 

 

 

 

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