Sass Nahezu ein jedes Land auf dieser Erde hat seine kriminellen Volkshelden, deren Pfiffigkeit in der Durchführung ihrer Beutezüge, im Spurenverwischen oder in der höchst intelligenten Weise, in der sie der Polizei das Nachsehen gaben, die eigentliche Gesetzlosigkeit ihrer Handlungen überlagerte und in den Hintergrund treten ließ. In England reicht diese Historie vom legendären Robin Hood bis zu den Posträubern, in Amerika von Butch Cassidy bis zu Bonnie and Clyde und in Deutschland vom Kieler Seeräuber Klaus Störtebecker bis zum Kaufhauszündler Dagobert über das Brüderpaar, das im Mittelpunkt eines Filmes steht, der in diesen Tagen seine Österreich-Premiere feiert. „Sass“ heißt dieser Film und behandelt in den späten 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Aufstieg dieses Brüderpaares aus proletarischem Elternhaus, der Vater ein aufrechter Kommunist aus dem Berliner Arbeiterviertel Moabit, von ihrer eigentlichen Ausbildung zu Automechanikern zu den Hightech-Gangstern ihrer Zeit, die sich mit Schneidbrennern und chemischem Raffinement ihren Weg zu nahezu jedem Tresor bahnten, auf den sie es abgesehen hatten. Zunächst auf den des zuständigen Finanzamtes – ein Unterfangen, zu dem ich gerade in diesen Tagen eine klitzekleine Sympathie verspüre – bis zu jenem Geldschrank der Berliner Diskont-Bank, in dem acht Millionen Reichsmark als Wahlkampfgeld der NSDAP schlummerten. Auch dieser Bruch gelingt. Bei der Flucht über die Grenze nach Dänemark ist allerdings zunächst Endstation. Die Tresorknacker-Brüder werden erkannt, verhaftet und letztlich...freigesprochen. Doch das geschah noch vor der Machtübernahme der Nazis, in deren Finger die wirklichen Sass-Brüder dann im Jahr 1938 doch gerieten und von der Gestapo im KZ Sachsenhausen hingerichtet wurden. Regie-Routinier Carlo Rohla, der mit TV- und Filmstar Iris Berben eine Vielzahl von Fernseh-Filmen drehte, hat nach dem Drehbuch von Uwe Wilhelm, das sich neben einigen dramaturgischen Freiheiten doch ziemlich eng an die überlieferten Fakten hält und mithilfe des Produzenten Oliver Berben, dem Sohn der schönen Iris, eine Mischung aus Gerichtssaal-Report und Räuberpistole gestaltet, die zwar nicht verdächtig ist, den „Oscar“ verliehen zu bekommen aber als 112 Minuten lange Unterhaltung allemal aus dem Angebot herausragt, das landläufig als solche angeboten wird. Allein die Mitwirkung der beiden Träger der Hauptrollen, der raumgreifende Ben Becker als Franz und der kauzige Jürgen Vogel als Erich Sass sowie in Nebenrollen so erlesene Darsteller wie Otto Sander und Karin Baal als Vater und Mutter des Sass-Brüder und – nicht zu vergessen: der Wiener Schauspieler Miguel Herz-Kestranek als beraubter Bankier Leon Weiss – lohnen den Preis fürs Kino-Ticket und die Parade historischer Fahrzeuge, die Regisseur Rohla dann und wann ins Bild rückt, lassen die Herzen von Oldtimer-Fans bis zum Anschlag klopfen. Alles in allem: Ein Film, den man unter den genannten Vorzeichen mit bestem Gewissen empfehlen kann.
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